Filmabend mit Hella Wenders am 25. Oktober 2017

 

Vor vier Jahren zeigte unsere Initiative in Zusammenarbeit mit der GEW und dem Provinzkino in Enkenbach den Film „Berg Fidel“. Die Regisseurin Hella Wenders begleitete filmerisch vier Kinder mit unterschiedlichen Beeinträchtigungen während ihrer Grundschulzeit in der zwischenzeitlich erkämpften inklusiven Gemeinschaftsschule Berg Fidel in Münster. Den Kindern bot sich dort die ideale Gelegenheit einer individuellen Förderung, ohne Notendruck und damit ohne Versagensängste. Sie konnten sich in einem annähernd konstanten Beziehungsgefüge altersgemäß entwickeln.

Umso spannender dann die Frage: Wie ging es mit der Entwicklung der heranwachsenden Jugendlichen nach dem nun zwangsweise stattfindenden Schulwechsel nach der vierten Grundschulklasse weiter? Die vortreffliche Beantwortung dieser Frage gelang Hella Wenders in ihrem Folgefilm mit dem Titel „Schule, Schule – die Zeit nach Berg Fidel“, der mittlerweile bundesweit angelaufen ist.

Wieder war es unserer Initiative gelungen, die Berlinerin in die Pfalz zu locken. Wieder wurde ihr Film im Provinzkino gezeigt, wo anschließend Gelegenheit bestand, mit der Regisseurin über den Film zu diskutieren. Die meisten der deutlich über 50 Besucher nahmen dieses Angebot wahr.

Dieser Folgefilm beschreibt in bewegenden Bildern und eindeutigen Aussagen aus dem Mund der Protagonisten, wie es ihnen erging, als sie nach ihrer Grundschulzeit an eine (private) Montessori-Schule, eine Sonder(Förder-)schule und anschließendem Berufskolleg und eine Gesamtschule wechseln mussten. Leistungs-, Konkurrenz- und Notendruck hemmten die Motivation; Trennung, Abstufung, Entmutigung in Kombination mit problematischer Herkunft resultierten in einer belastenden Genese dieser jungen Menschen.

Diese in der Inklusionsdebatte hinlänglich bekannten Unmenschlichkeiten spiegeln wider, was in unserem Bildungssystem falsch läuft, weil sie von praktisch allen Schulpolitikern ignoriert werden.

Der Film legt die Finger eindringlich auf diese Wunden. Dies wurde auch in der anschließenden Diskussion deutlich. In fachkundiger und 'auf selten erlebtem hohem Niveau' (Hella Wenders) wurde der Film analysiert und kommentiert.

Erwarteter Wermutstropfen an diesem Abend: Im Auditorium befand sich kein einziger bildungspolitisch Verantwortlicher – wenn man von GEW-Vertretern einmal absieht.

17. November 2017    Hans-Dieter Leonhardt.

 

 

 

Hella Wenders und Frieder Bechberger-Derscheidt diskutieren mit den Zuschauern.

 

 

 

Interview mit Hella Wenders aus der "Rheinpfalz": „Ellenbogenprinzip darf nicht im Vordergrund stehen!“

 

Frau Wenders, was hat Sie dazu bewogen, eine Fortsetzung von „Berg Fidel“ zu drehen?

Wenders: Bei den zahlreichen Vorführungen wurde ich immer wieder – deutschlandweit ‑ gefragt: „Und wie geht es den Kindern jetzt?“ Auch mir persönlich war es ein großes Bedürfnis, der Entwicklung der Kinder in den weiterführenden Schulen nachzugehen. Sechs Jahre später habe ich mich damit beschäftigt  und habe die Kinder, die mittlerweile Teenager sind, erneut für ein Schuljahr auf ihren jeweiligen weiterführenden Schulen und in ihrer Freizeit begleitet.

Die eine oder andere Beeinträchtigung spielte ja an der Grundschule keine große Rolle. Wie erging es den Kindern nun in der Zeit nach Berg Fidel?

Wenders: David, der seh- und hörgeschädigt ist, wurde seinerzeit trotz bester Noten von keinem staatlichen Gymnasium angenommen. Das hat uns alle sehr überrascht. Vielleicht war der Teppichboden, den er wegen seiner Hörschädigung forderte, weil der den Lärm dämpft, auch nur ein vorgeschobener Grund. Er ist aber an einer privaten Montessorischule in Münster aufgenommen worden, macht gerade seinen Schulabschluss und muss sich nun schon wieder bewerben, weil diese Schule nur bis zur zehnten Klasse führt. Das ist die Crux unseres Schulsystems. Deshalb mein Plädoyer:Die Schule sollte die Schüler von der ersten bis zur 13. Klasse führen.

Und sein Bruder Jakob, der ja Träger eines Down-Syndroms ist?

Wenders: Nach der Grundschule war zunächst keine Schule für ihn da. Daher machte Berg Fidel eine Ausnahme und hat ihn noch ein paar Jahre länger behalten, ohne es an die große Glocke zu hängen. Gegen den Willen des Schulamtes. Der Rektor der Schule hat auch zusammen mit meiner Mutter Barbara Wenders, die auch Lehrerin an dieser Schule ist, ein Buch mit dem Titel „Ungehorsam im Schuldienst“ geschrieben. Eigentlich hätte Jakob die Sonderschule für geistig Behinderte besuchen müssen. Aber zum Glück wurde er dann auch an der Montessorischule aufgenommen. Er ist sehr beliebt und anerkannt und zeigt sich, wie wir ihn von Berg Fidel her kennen: warmherzig, empathisch und mit ausgeprägtem Gemeinschaftssinn.

Samira hatte ja die Gymnasial-Empfehlung...

Wenders: Samira kam an eine Gesamtschule, wo sie riesige Probleme hatte, in der Masse der Schüler zurechtzukommen. Wo zudem nur Frontalunterricht herrscht, es keine Altersmischung und keinen Klassenrat wie an der Grundschule gibt. Neue Freunde zu finden, war für sie nicht einfach. Sie berichtet von Ausgrenzung, von Gruppenzwang, Anpassungsdruck und dem Bemühen darum, sie selbst zu bleiben.

Anita, das Romamädchen aus dem Kosovo, hatte es wahrscheinlich besonders schwer.

Wenders: Für Anita fand sich keine integrative Hauptschule. Sie musste nach Berg Fidel die Sonderschule für Lernbehinderte besuchen und litt ständig unter Ausgrenzung. Ihr wurde vermittelt: „Du kannst nichts“, und sie hat nicht mehr an sich geglaubt. Anders als Jacob hat sie nicht die Chance bekommen, ihre Stärken voll zu entfalten. Die Zeit in der Sonderschule betrachtet sie als verlorene Zeit. Am Berufskolleg versucht sie nun den Hauptschulabschluss zu erreichen.

Warum kommt Lukas im zweiten Film nicht vor?

Wenders: Lukas hat eine Lese-Rechtschreibschwäche und kommt aber an der Realschule gut zurecht. Die Schule wollte aber nicht, dass wir filmen.

Ist der typische Wenders-Stil der gleiche wie in Berg Fidel“?

Wenders: Ich denke ja. Ich wollte, dass die Bilder und Kinder für sich sprechen. Kein Kommentar erläutert oder ordnet ein. Wir haben stets auf Augenhöhe gedreht. 

Was ist die Botschaft Ihres Filmes?

Wenders: Nach meiner Meinung ist es wichtig, dass die Kinder länger gemeinsam lernen. Warum eine gut funktionierende Gemeinschaft in jungen Jahren aufteilen und dadurch schon früh die Weichen fürs spätere Leben stellen? Dieser Film erzählt von diesen lebensentscheidenden Weichen. Die gemeinsame Grundschule hat doch allen ein gutes Fundament gegeben für den weiteren Lebensweg. Was sie da an sozialer Kompetenz mitbekommen haben, hat sie stark gemacht. Kinder müssen das Gefühl bekommen, dass sie was können. Das geht nicht unter Druck. Das Ellenbogenprinzip darf nicht im Vordergrund stehen. Nur so geht nachhaltiges Lernen. Eine Schülerin aus Kamerun hat dies einmal treffend auf den Punkt gebracht: „In Deutschland gibt es keine Schulen, hier gibt es nur Sortieranstalten.“

Ergeben sich aus diesem Film bildungspolitische Konsequenzen?

Wenders: Ist die Trennung nach der vierten Klasse noch sinnvoll? Darüber nachzudenken, wäre doch schon ein Fortschritt. Das gibt es nur noch in Deutschland und in Österreich. Und in Grundschulen braucht man keine Noten. Da sollte die Freude am Lernen im Vordergrund stehen.

Wie reagieren die Zuschauer auf den Film?

Wenders: In der Regel sind sie tief bewegt und es ergeben sich rührige Diskussionen.

Frau Wenders, ich danke Ihnen für das Gespräch.