Bericht über den 3. Runden Tisch an der Johannes-Gutenberg-Universität, Mainz, am 28. Mai 2018

Der „Runde Tisch Lehrkräftebildung“, eine Veranstaltungsreihe unserer Initiative zusammen mit dem Zentrum für Lehrerbildung der Technischen Universität Kaiserslautern nahm die Diskussion auf, die an der Technischen Universität Kaiserslautern 2016 begonnen und an der Universität Trier 2017 weitergeführt wurde. Im Mittelpunkt stehen mögliche Konzepte zur Entwicklung eines inklusiven Schulsystems sowie die Erfahrungen von Vertreterinnen und Vertretern der Schulpraxis. Die Diskussion sollte Stärken und Schwächen der inklusiven Bildungsansätze herausarbeiten und Handlungsempfeh-lungen für die Lehrkräftebildung sowie der Schulpraxis generieren.

Vor einem Auditorium von mehr als 50 Personen (etwa zur Hälfte Studierende) wies in einem Grußwort der Vizepräsident der Johannes-Gutenberg-Universität, Prof. Dr. Stefan Müller-Stach, auf die umfangreichen Studiermöglichkeiten für das Lehramt hin (22 verschiedene Fächer), was sich in einer großen Zahl von Lehramtsstudierenden niederschlage.

Vorstandsmitglied Arno Rädler skizzierte anschließend die Ziele unserer Initiative und hob dabei den Einsatz für mehr Bildungsgerechtigkeit und längeres gemeinsames Lernen hervor, wozu diese Veranstaltungsreihe einen substantiellen Beitrag leisten könne.

Juniorprofessorin Dr. Anja Hackbarth forderte in ihrem Impulsreferat einen „Paradigmenwechsel Inklusion“, beruhend auf der UN-Behindertenrechtskonvention, die unstreitig Inklusion als Menschenrecht definiert und klar herausstellt als gültige und nicht relativierbare Grundlage zur Realisierung von gesellschaftlicher und schulischer Inklusion. Der Inklusionsgedanke braucht andere Konzepte als die defizitorientierte Förderung, eine Abkehr vom „Ressourcen-Etikettierungs-Dilemma“. Ziel muss die Minimierung von Diskriminierung und die Maximierung von Teilhabe sein.

Dieser wissenschaftlichen Sichtweise folgte ein Praxisbericht zweier Lehrkräfte der IGS Anna Seghers in Mainz, als eine der frühen Schwerpunktschulen in Rheinland-Pfalz. An dieser Stelle wurde offenbar, wie weit vor allem die momentanen Strukturen, die die Praxis an rheinland-pfälzischen Schwerpunktschulen bestimmen, die Umsetzung einer solchen Pädagogik erschweren beziehungsweise verhindern. Hier ist das Ressourcen- Etikettierungs-Dilemma zu nennen, das vor allem durch die noch immer geltende Notwendigkeit einer Diagnose innerhalb der Gutachtenpraxis hervorgerufen wird wie auch durch das Nebeneinander von Förder- und Schwerpunktschulen, wodurch fachliche und finanzielle Ressourcen massiv fehlgeleitet werden.

Dieser Vorstellung schloss sich eine Diskussionsrunde an, moderiert von der Leiterin des Zentrums für Lehrerbildung (ZfL) an der Technischen Universität Kaiserslautern, Dr. Claudia Gómez Tutor. Sie leitete mit der Schlüsselfrage ein: „Wo beginnt man?“ Studierende ergriffen zunächst das Wort. Sie vermissten ein durchgängiges Ausbildungskonzept, in dem die Bildungswissenschaften mit den Fachwissenschaften verknüpft sind, also eine inklusionsorientierte Fachdidaktik. Dieser Diskussionsansatz wurde leider nicht weiterverfolgt, sollte aber bei nächsten Veranstaltungen stärker in den Fokus gerückt werden. Stattdessen rückte die Diskussion über mangelnde Ressourcen und Strukturen in den Mittelpunkt.

Als Ausweg aus dem Dilemma kann der Impulsvortrag von Frau Juniorprofessorin Dr. Anja Hackbarth dienen. Sie verwies auf den Index „For Inclusion“ ( Ainscow& Booth, 2017), der innerhalb einer kontinuierlichen Evaluation der Einzelschule das Aufspüren von systemimmanenten Barrieren, aber auch das Entdecken von bisher verborgenen Ressourcen ermöglicht. Im Zentrum muss hier die Vermeidung vorschneller Zuordnung eines Förderbedarfs bei auftretenden Lernproblemen stehen. Stattdessen muss die Suche nach bislang möglicherweise unentdeckten Barrieren für Lernen erfolgen. So kann die Einzelschule trotz bestehender Zwänge der bildungspolitischen Vorgaben, die momentan hauptsächlich durch den eklatanten Ressourcenmangel erlebt wird, einer inklusionsadäquaten schulischen Praxis zumindest in Grenzen näher kommen. Hierbei ist der sehr sensible Umgang mit Sprache, das heißt der Verwendung von Begrifflichkeit (beispielsweise Förderschüler in Abgrenzung zu Regelschüler) ein erster Weg.