Leserbrief zum Artikel „Wir erleben einen Stresstest“, RZ vom 9. April 2020

Na endlich! Bildungsministerin Dr. Hubig (SPD) zeigt Flagge!

Als Frau Hubig vor rund vier Jahren ihr Amt als Bildungsministerin antrat, begründete die promovierte Juristin diesen Schritt damit, dass Sie sich für mehr Bildungsgerechtigkeit einsetzen wolle, da deren Verwirklichung eine wesentliche Motivation für ihre Übernahme dieses Amtes darstelle. Sucht man heute rückblickend nach entsprechenden Anstößen oder gar Resultaten ihres diesbezüglichen Handelns, ist leider bis zum Eintritt der Coronakrise Fehlanzeige zu erstatten!

Jetzt nun wird endlich ihr ausdrücklich zu lobender Einsatz gegen eine Verschärfung von Bildungsungerechtigkeiten erkennbar: Zuletzt im heutigen Interview mit der RZ begründet sie die Notwendigkeit auf einen Notenverzicht durch die erfolgte Verlagerung von Unterricht in den häuslichen Bereich und eine damit drohende Benachteiligung bestimmter Schülergruppierungen:

Hier seien Schulkinder in Lebensverhältnissen, in denen keinerlei digitale Endgeräte vorhanden seien oder auch keine familiäre Unterstützung bei der Erledigung von Lernaufträgen gegeben sei, im Vergleich zu Elternhäusern, die computertechnisch voll ausgerüstet sind und ihre Kinder hoch engagiert beim Lernen unterstützen, massiv benachteiligt. Dass diese Schulkinder die besseren Notenergebnisse erzielen, liegt auf der Hand und verbessert deren Chancen erheblich. Für Frau Hubig ist es mit Fug und Recht „eine Frage der sozialen Gerechtigkeit, dass alle die gleichen Bedingungen haben“, somit für die weitere Bildungsentwicklung schädliche Benotungen temporär ausgesetzt werden.

Doch was sich in der Öffentlichkeit bisher wohl noch nicht herumgesprochen hat, ist Folgendes:

Diese Richtschnur der verantwortlichen Ministerin sollte keinen langen Bestand haben!

Nachdem Frau Hubig bereits am 27.3. die Schulen und die Eltern brieflich von ihrer pädagogisch alternativlosen Entscheidung informiert hatte, ergingen nur wenige Tage später aus den Federn zweier Abteilungsleiterinnen und eines zuständigen Juristen des Bildungsministeriums Anweisungen an die Schulen, die die Auffassung ihrer vorgesetzten Ministerin in unglaublicher Weise konterkarieren (nachzulesen auf der Homepage des Ministeriums).

Nunmehr sollen für Schülerinnen und Schüler der Oberstufe  doch die üblichen Leistungsnachweise gefordert werden und die Zeugnisnoten auf die reguläre Weise ermittelt werden,  - ohne jegliche Rücksicht auf die während des Homeschoolings verschärften Benachteiligungen von vielen Kindern unterhalb des Mittelstandsmilieus. Solche gibt es in IGSen und mittlerweile durchaus auch schon in Gymnasien.

Diesem Verfahren widerspricht die Ministerin nun in dem hier erwähnten Interview erneut.

Wonach werden sich die Schulen richten, worauf sich die Schüler und Eltern verlassen?

Ich bin gespannt darauf, wann dieses Chaos aufgelöst wird und wer dabei das letzte Wort haben wird!

 

Arno Rädler, Rektor i. R.,Meisenheim.