Studienreise Südtirol     9. – 13. Oktober 2016

UNSER HOTEL:

Hotel Masatsch
Oberplanitzring 30
39052 Kaltern an der Weinstraße
Tel.: 0039 0471 669 522
info(at)masatsch.it
www.masatsch.it

 

PROGRAMM

Anreise: Sonntag,  9. Oktober 2016,  bis 19 Uhr

Ca. 19:30 Uhr: Gemeinsames Abendessen im Hotel Masatsch

Montag, 10. Oktober,
8:30 Uhr: Abfahrt nach Bozen

9:00 – 11:00 Uhr: Fachstelle für Inklusion und Gesundheitsförderung,
Amba-Alagi-Straße 10, Bozen,
Tel.: 0039 0471 417668

Referat von Dr. Veronika Pfeifer über

·         Südtiroler Schulsystem

·         Integration von Schülerinnen und Schülern mit Beeinträchtigung

·         Ausbildung von Lehrpersonal für den Bereich Integration

Im Anschluss daran Diskussion und Beantwortung von Fragen


Montag, 10. Oktober, 14:30 – 16:30 Uhr
Südtiroler Landtag Bozen, Silvius-Magnago-Platz 6
Tel. Karl Wolf, Organisator, 0039 0471 946 207
karl.wolf(at)landtag-bz.org

Gespräch mit Frau Ltg. Abg. Dr. Magdalena Amhof,
Vorsitzende des 1. Gesetzgebungsausschusses für Institutionelle Angelegenheiten, Unterricht, Kultur, Sport, Entwicklungszusammenarbeit, Internationale Beziehungen und Beziehungen des Landes zur EU, Kommunikationswesen

Rückfahrt zum Hotel Masatsch: Individuell (ÖPNV oder Taxi)

 

 

 

Dienstag, 11. Oktober,
8:30 Uhr: Abfahrt nach Tramin

9:00 – 12:30 Uhr: Besuch des Schulsprengels Tramin,
Mittelschule Tramin,
Mindelheimerstraße 12, Tramin an der Weinstraße,
Tel.: 0039 0471 860195
ulrike.hofer(at)schule.suedtirol.it

Einführung durch Direktorin Ulrike Hofer

·         Struktur und Organisation des Schulsprengels Tramin

·         Integration/Inklusion am Beispiel der eigenen Schule

·         Gespräche mit Lehrerinnen und Lehrern

·         Klassenbesuche

Ca. 13 Uhr: Rückfahrt zum Hotel Masatsch

Nachmittags kein Programm

19 Uhr: Treffen im Hotel

Ca. 20 Uhr: Weinprobe im Weingut Unterhofer,
                   Oberplanitzring 5 in Kaltern (5 Minuten Fußweg vom Hotel)
                   Tel.: 0039 0471 669 133  
                   info(at)weingut-unterhofer.com

 

Mittwoch, 12.Oktober,
8:30 Uhr : Abfahrt nach Neumarkt/Auer

Aufteilung der Gruppe auf zwei Standorte:

Gruppe 1:
9:00 – 12:00 Uhr: Besuch der Fachoberschule für Landwirtschaft in Auer Schlossweg 10, Auer,
Tel.: 0039 0471 810538
franz.tutzer(at)schule.suedtirol.it

Einführung durch Direktor Dr. Franz Tutzer

·         Struktur und Organisation der Fachoberschule  für Landwirtschaft Auer

·         Integration/Inklusion am Beispiel der eigenen Schule

·         Gespräche mit Lehrerinnen und Lehrern

·         Klassenbesuche

Gruppe 2:
9:00 – 12:00 Uhr: Besuch der Fachschule für Hauswirtschaft ´Griesfeld` Neumarkt
Fleimstalerstraße 37, Neumarkt
Tel.:  0039 0471 812600
gudrun.ladurner(at)schule.suedtirol.it

Einführung durch Direktorin Ulrike Vedovelli

·         Struktur und Organisation der Fachschule für Hauswirtschaft ´Griesfeld` Neumarkt

·         Integration/Inklusion am Beispiel der eigenen Schule

·         Gespräche mit Lehrerinnen und Lehrern

·         Klassenbesuche

Mittwoch, 12. Oktober,

14:00 Uhr: Abfahrt nach Meran

15:00 – 17:30 Uhr, Meran

Aufteilung der Gruppe auf die Standorte der Sozialgenossenschaften ALBATROS und INDPENDENT in Meran. Diese gehören dem Typ B – Arbeitseingliederung  -  an.
Ab ca. 16:30 Uhr Zusammentreffen am Standort der Sozialgenossenschaft INDEPENDENT

Gruppe 1:
15:00 – 16:30 Uhr: Besuch der Sozialgenossenschaft  ALBATROS,
Luis-Zuegg-Straße 42
39012 Meran
Tel.: 0039 0473 445135
info(at)albatros.bz.it

Ansprechpartnerin:
Dr. Monika Thomaser
monika.thomaser(at)albatros.bz.it

Gruppe 2:
15:00 – 17:30 Uhr: Besuch der Sozialgenossenschaft  INDEPENDENT
Laurin Straße 6 A
39012 Meran
Tel.: 0039 0473 010850
info(at)independent.it

Ansprechpartnerin:
Evi Unterholzner (Direktorin)
evimaria.unterholzner(at)independent.it

21:00 Uhr. Rückfahrt von Meran zum Hotel Masatsch

Stand: 8. 10. 2016

Auf Grandtour in Südtirol

 

"Die Begierde, dieses Land zu sehen, war überreif: da sie befriedigt ist, werden mir Freunde und Vaterland erst wieder recht aus dem Grund lieb und die Rückkehr wünschenswert…, da ich mit Sicherheit empfinde, dass ich so viele Schätze nicht zu eignem Besitz und Privatgebrauch mitbringe, sondern dass sie mir und andern durchs ganze Leben zur Leitung und Fördernis dienen sollen". (Goethe: Italienische Reise, Rom, 1. November 1786)



Unser Reiseimpuls

Im Zentrum der Grandtour der Gebildeten des 18. und 19. Jahrhunderts stand Italien mit all seiner Kunst und Wissenschaft von der Antike bis zur Gegenwart damaliger Zeit. Das waren für alle, die dieses Privileg genießen konnten, höchst prägende persönliche Erfahrungen und zugleich Fundament für die eigene Bildungsgeschichte.
Zur heutigen Grandtour für Bildung, so scheint es, gehört sicher Bozen, die nördlichste Provinz Italiens, um beobachten und erfahren zu können, wie vielleicht irgendwann einmal auch hierzulande Inklusion grundlegende und nicht mehr in Frage gestellte pädagogische Realität in Gesellschaft und Schule werden könnte. Gewissermaßen also die humane Schule mit der Seele suchend, aber auch mit der Menge der eigenen Erfahrung, mit Empathie, aber auch kritischer Distanz brachen wir nach Südtirol auf.
Wir wollten in direkten Gesprächen mit politisch Verantwortlichen und unterschiedlichen schulischen Akteuren sowie durch Unterrichtshospitationen erfahren, wie in einem Land Inklusion realisiert und wie dadurch der schulische und kulturelle Alltag bestimmt wird.
Uns war bewusst, dass Italien nicht die UN-BRK brauchte, um ein bestehendes exklusives in ein neues inklusives Schulsystem weiterzuentwickeln. Diesen Schritt gingen die Italiener, und zwar alle, bereits in den 70er Jahren. So werden dort seit rd. 40 Jahren alle Kinder gemeinsam unterrichtet: In der fünfjährigen Grundschule (1. – 5. Klasse) und der dreijährigen Mittelschule (6. – 8. Klasse). Erst mit dem 9. Schuljahr endet die Gesamtschulzeit, resp. trennen sich die Bildungswege im Prinzip in einen gymnasialen und beruflichen Weg. Italien hat also 40 Jahre Erfahrungsvorsprung an gemeinsamem Unterricht.
Die UN-BRK war deshalb für Italien einerseits Bestätigung für die bisherige Praxis und andererseits Anlass, insbesondere wohl für Südtirol, Erfahrung und Praxis der gemeinsamen Schule zu überprüfen  und zu verbessern.  Dazu gehören beispielsweise das Gesetz "Teilnahme und Inklusion von Menschen mit Behinderungen" von 2015 und auch die Rahmenrichtlinien für die Grund- und Mittelschule, die nach mehrjähriger Diskussion mit allen Beteiligten zum Schuljahr 2009/10 in Kraft gesetzt wurden. Dazu zwei programmatisch grundlegende Zitate:

"Die Schule baut durch einen auf dem Grundgedanken der Inklusion bestehenden Unterricht die Haltung auf, Unterschiede der Personen und Kulturen als Bereicherung zu verstehen und dem Anderssein mit Respekt und Offenheit zu begegnen." (S. 17)

"Die Schülerinnen und Schüler werden in ihrer Einmaligkeit angenommen und im Hinblick auf den Erwerb der vorgesehenen Kompetenzen bestmöglich gefördert. Dies geschieht nicht durch Separierung, sondern durch persönliche Wahlmöglichkeiten und differenzierte Förderung im gemeinsamen Unterricht." (S. 19)

 

Unser Reiseimpuls war zu erfahren,

·         wie die Umsetzung dieser Ziele gelingt und

·         warum dort in Südtirol bzw. in Italien Konsens über ein inklusives Bildungssystem besteht und

·         inwieweit diese Erfahrungen in die hiesige bildungspolitische Debatte eingebracht werden können. 

 

Bericht

Natürlich wollten wir wissen, unter welchen Rahmenbedingungen schulischer Alltag stattfindet

Frau Dr. Amhof, Vorsitzende des Bildungsausschusses des Südtiroler Landtags, informierte uns bei unserem Gespräch am 10. 10. 2016 im Südtiroler Landtag über den aktuellen Rahmen des Südtiroler Bildungssystems:

Der Gesamthaushalt des Landes beträgt 5, 2 Mrd. €, davon geht über eine Milliarde in den Schulhaushalt, also rd. 20 %.
Die Obergrenze der Klassengrößen liegt bei 22,5 Schüler/innen. Die durchschnittlichen Klassengrößen sehen so aus:

Grundschule (1. – 5. Klasse): 14 – 15
Mittelschule (6. – 8. Klasse): 18
Oberschulen (9. – 13. Klasse): 19

GrundschullehrerInnen haben ein Unterrichtsdeputat von 22 Stunden,
Mittel- und Oberschullehrer/innen 18 + 2 Stunden.

Lehrerinnen und Lehrer sind Angestellte des Landes Südtirol.
Die Einstiegsgehälter (netto) sehen so aus:

Grundschullehrer/innen: 1 500,-
Mittel- und Oberschullehrer/innen: 2 200,-
Maximal können Lehrerinnen und Lehrer 3 200,- € verdienen.

Schüler/innen der Grundschule haben pro Woche 25 + 2 Stunden Unterricht, in der Mittelschule sind es 27 + 2 Stunden.

Die Lehrerbildung findet an den Universitäten statt, auch die der Lehrerinnen an Kitas.
Lehrerfortbildung ist kostenlos und seit kurzem verpflichtend.

Die Schulpflicht beträgt 10 Jahre, die Bildungspflicht besteht bis zum 18. Lebensjahr. Alle Schülerinnen und Schüler legen nach der 8.Klasse eine Prüfung ab. Die Anmeldung an der Oberschule ist vom Ergebnis der Prüfung jedoch nicht abhängig.   

Alle Kinder, die im Schulsprengel wohnen, besuchen dort die Grund-und Mittelschule. Mit Schließung der Sonderklassen im Jahr 1977 gilt dies auch für Kinder mit Beeinträchtigungen, seit 1987 sind auch die Sonderklassen an den Oberschulen abgeschafft.
Alle Schüler/innen mit Diagnose erhalten einen individuellen Bildungsplan.

Den  Klassen stehen ein Klassenlehrer, ein Integrationslehrer (Fachlehrer mit einer einjährigen Zusatzausbildung), der ebenfalls für die ganze Klasse zuständig ist, und ein Mitarbeiter für Integration zur Verfügung.
Durch Sparmaßnahmen ist nicht mehr in jedem Fall eine Doppelbesetzung (Klassenlehrer und Integrationslehrer) gewährleistet. Dies würde, so Ulrike Hofer, Schulleiterin des Schulsprengels Tramin, jedoch durch die geringe Klassengröße kompensiert. 

Die Einrichtung von Ganztagsschule steht erst am Anfang. Als Ursache dafür wird die immer noch überwiegend ländliche Struktur des Landes genannt, weshalb bisher kein größerer Bedarf entstanden sei.

Die Schulen sind selbständige "Rechtspersonen" mit eigenen Autonomierechten in den Bereichen Organisation, Didaktik, Schulentwicklung, Verwaltung und Finanzen. So stehen dem Schulsprengel Tramin (4 Grundschulen und 1 Mittelschule mit 412 Schülerinnen und Schülern) an Sachmitteln 100 000 € zur Verfügung, zudem erhält die Schule ein Überstundenkontingent von 50 000 € und ein Außendienstkontingent von 25 000 €. Über diese Mittel verfügt sie eigenständig.

Die Schulen, die wir gesehen haben (eine Grund- und Mittelschule sowie zwei Berufsbildende Schulen), waren personell und mit Gebäuden und Sachmitteln bestens ausgestattet, was allen Beteiligten bewusst ist und auch immer wieder betont wurde. Offen eingeräumt wurde jedoch auch, dass durch die Wirtschaftskrise seit 2008, von der auch das vergleichsweise reiche Südtirol mit seinen besonderen Autonomierechten betroffen ist, die Schulen mit Sparmaßnahmen zu kämpfen haben.

Südtiroler Konsense

Dennoch: Wir spürten die Zufriedenheit der Kolleginnen und Kollegen über den äußeren Rahmen ihrer Arbeit. Alle Gesprächsteilnehmer bestätigten, dass ein großer gesellschaftlicher Konsens darüber besteht, für Kinder und Jugendliche bestmögliche Lernbedingungen zu schaffen.

Ebenso groß ist der Konsens darüber, dass nichts anderes gewollt ist, als alle Kinder gemeinsam zu unterrichten. Zustimmung dazu haben wir  in allen Gesprächen erfahren, ob nun mit der Vertreterin des deutschen Schulamtes, der Vorsitzenden des Bildungsausschusses des Südtiroler Landtages oder mit Kolleginnen und Kollegen der Leitungsebene wie auch in Gesprächen mit Kolleginnen und Kollegen der besuchten Schulen. Die "inklusive Schule ist in Südtirol die normale Schule" ( Frau Dr. Pfeifer, Deutsches Schulamt)), "Inklusion wird in unserer Schule als Selbstverständlichkeit gelebt" (Ulrike Vedovelli, Leiterin der Hauswirtschaftsschule Neumarkt), "Unsere Vorstellung von normaler Schule ist die inklusive Schule" (Dr. Pfeifer), oder wie es gleichsam zurückhaltend, aber bestimmt Ulrike Hofer, Leiterin des Schulsprengels Tramin, formulierte: "Wir sind dabei, inklusiv zu werden", um nur einige Zitate als Belege zu nennen.
Zurück zu Sonderklassen wollen nach einer aktuellen Umfrage in Südtirol weniger als 5 % der Bevölkerung. Hier zahlen sich der konsequente Umstieg auf die gemeinsame Schule für ALLE seit den 70er Jahren und die damit gemachten Erfahrungen nachhaltig aus.  

Frau Dr. Amhof, die Vorsitzende des Bildungsausschusses, gab im Südtiroler Landtag zum Abschluss ihres ehrlichen und zugleich überzeugenden Plädoyers für ein inklusives Bildungssystem uns ermunternd mit auf den Weg: "Inklusion muss man einfach wagen, anfangs viel Geld in die Hand nehmen, was sich auf jeden Fall auszahlt."

Mein Fazit aus unserem Besuch:

In Italien/Südtirol ist es gelungen, im Bildungsbereich eine Haltung bei allen Akteuren zu entwickeln, die zu inklusivem pädagogischen Handeln und Denken geführt hat und somit auf der personalen Ebene ein inklusives Gesamtschulsystem erreicht und abgesichert werden konnte, das heute niemand in Frage stellt. Dabei war und ist es nötig, dieses System auch auf der materiellen Ebene abzusichern, d. h. es finanziell so auszustatten, dass die gesellschaftspolitische Grundlegung für ein humanes, nicht selektives Bildungssystem auch dadurch konsensfähig gemacht wurde.
Das gemeinsame Leben und Lernen aller Kinder und Jugendlichen ist in Südtirol Alltagsrealität, die nicht in Frage gestellt ist, auch wenn sie nicht perfekt ist. Es wird nach wie vor großer Anstrengungen bedürfen, das Erreichte zu halten bzw. Weiterentwicklungen zu ermöglichen und zu gestalten. Aber auch darüber besteht Konsens.

Was lernen wir daraus?

·         Entscheidender Erfolgsfaktor, inklusive Pädagogik zu realisieren, ist die positive Haltung aller Akteure: Inklusion ist Grundlage allen pädagogischen Handelns, weil sie jedem Kind gerecht wird.

·         Oberstes Ziel der Lehrerbildung ist es, diese Haltung zu entwickeln.

·         An der Uni müssen Fachleute für Heterogenität ausgebildet werden.

·         Die Förderschule wird überflüssig.

·         Förderschulpädagogik wird integrierter Teil der Allgemeinen Pädagogik.

·         Voraussetzung für Bildungsgerechtigkeit ist die inklusive Schule für ALLE.

·         Diese Schule ohne Selektion ist eine Schule der individuellen Förderung aller Kinder und Jugendlichen.

  

Wie erzielen wir politische Wirkung?

·         Längere gemeinsame Schulzeit ohne Selektion als Grundvoraussetzung eines inklusiven Bildungssystems

·         Offensiv Linke Mehrheiten – parlamentarisch und außerparlamentarisch – für mehr Inklusion organisieren.

·         Grüne und SPD an ihre bildungspolitischen Wurzeln erinnern – direkte Gespräche suchen.

·         GEW als Bildungsgewerkschaft muss noch eindeutiger und mutiger Inklusion fordern.

·         Gute Beispiele bei uns hervorheben – es geht auch hier, trotz allem!

·         Raus aus unseren informellen Insiderdebatten – regionale und überregionale Veranstaltungen mit Betroffenen (Schulen, Eltern- und Schülervertretungen) organisieren.

·         Mehr Druck auf die Universitäten ausüben, Inklusion ins Zentrum der Lehrerbildung zu stellen.

·         Zentrale Aufgabe des Päd. Landesinstituts muss für die nächsten Jahre sein: Fortbildungsangebote zu Erwerb und Vertiefung inklusiver Kompetenz bereit stellen, alle anderen Bereiche für die nächsten Jahre im Interesse dieser Aufgabe reduzieren resp. zurückstellen.

Größte Hürden

Dass die Landespolitik in ihrer Dreierkoalition, zumindest was SPD und FDP betrifft, kaum handlungswillig, die Grünen auf Grund ihrer Schwäche in der Koalition kaum handlungsfähig sind, ist wohl Fakt. Als aktuellen Beleg will ich aus dem Antwortbrief (21. 10. 2016) von Alexander Schweitzer auf meine kritische Stellungnahme zu seinem Gastkommentar in der FR vom August, folgendes zitieren:

Eingangs weist er meine Kritik an der SPD zurück, es sei nicht genügend "in Richtung mehr individuelle Förderung und längeres gemeinsames Lernen geschehen" und fährt fort:

"Die SPD-geführten Landesregierungen haben hierfür einen besonnenen Weg der Mitte eingeschlagen, der versucht alle Beteiligten mitzunehmen: Bewährtes wurde beibehalten, Veränderungen wurden – wenn nötig – vorgenommen. Hierzu gehört insbesondere die große Schulstrukturreform im Jahre 2009 mit der Bildung der praxisorientierten Realschule plus, der Erweiterung des Angebots an Integrierten Gesamtschulen, der Absenkung der Klassenmesszahlen und dem Ausbau des Ganztagsschulnetzes." Wie er an die sog . Durchlässigkeit unseres Schulsystems glauben kann, wenn er alle existierenden Schularten des Landes aufzählt (außer der Förderschule) und behauptet, damit werde "…ein durchlässiges und leistungsfähiges Schulangebot vorgehalten, das auf Chancengleichheit ausgerichtet ist und Schülerinnen und Schülern Zugang zu allen Bildungsabschlüssen ermöglicht", erschließt sich womöglich nur ihm selbst.

Das System ist "auf Chancengleichheit ausgerichtet", will und muss sie aber nicht "garantieren" – auch das ist die Botschaft.

Ein weiterer Beleg für die bildungspolitische Selbstzufriedenheit und damit den Unwillen, mehr zu tun, ist der Hinweis, an der Förderschule mit dem Schwerpunkt Lernen in den kommenden Jahren Englischunterricht einzuführen, gewissermaßen das I-Tüpfelchen für die versprochene Durchlässigkeit und individuelle Förderung. Bei der Umsetzung von Inklusion sind wir deshalb gut, so behauptet er, weil dies an Schwerpunktschulen geschieht und schon an 16 Förderschulen Förder- und Beratungszentren eingerichtet wurden.

Wie schwierig wird es werden, bei so wenig Selbstkritik, bei so viel Selbstgewissheit und ebenso viel Vergesslichkeit, was die eigenen Wurzeln und Beschlüsse zur Bildungspolitik angeht, unsere Vorstellung erst mal auf die politische Tagesordnung zu setzen, mag jeder ermessen. Allein dazu dürften wir alle unsere schwachen Kräfte benötigen. Dennoch sollte es uns nicht überfordern. Dessen ungeachtet müssen wir es bei jeder sich bietenden Gelegenheit versuchen – bei unseren eigenen Veranstaltungen, bei Gesprächen  mit politischen und zivilgesellschaftlichen  Akteuren.

Die "Bildungs-Grand-Tour" hat sich für mich gelohnt, ich hätte noch bleiben können.

 

 

Frieder Bechberger-Derscheidt
KL, 25. 10 2016

Rosemi Waubert de Puiseau                                             Oktober 2106

 

 

Inklusion in Italien am Beispiel Südtirol -

Ein Bericht über den Versuch in 3 Tagen Erkenntnisse über das Schulsystem zu gewinnen, das seit ca. 4 Jahrzehnten Kinder gemeinsam beschult.

 

Vom 10.10.-12.10.2016 besuchten 16 interessierte Menschen aus Rheinland-Pfalz, darunter Bildungspolitiker/innen, Gewerkschaftsfunktionäre und andere Verbandsmitglieder, ehemalige Ministerialbeamte, aktive und pensionierte Lehrkräfte, Schulleitungsmitglieder, Lehrerausbildner/innen verschiedener Schularten, eine ehemalige Schulpsychologin Südtirol.

Gespräche und Besuche  fanden statt

·         mit dem deutschen Schulamt, Bereich Innovation und Beratung,

·         mit der Legislative, 

·         in einem Schulsprengel mit Grundschulen und Mittelschule,

·         in 2 verschiedenen Fachoberschulen und

·         2 Sozialgenossenschaften.

 

 

Die Rahmenbedingungen

 

Rechtliches

Auf Staatsebene (Italien):

1947 – Grundsatz der Nichtdiskriminierung

1971 –nur noch Sonderklassen für Schüler/innen mit schweren geistigen und körperlichen Beeinträchtigungen sind zugelassen

1977 – Abschaffung der Sonderklassen im Pflichtschulbereich. Diese Änderung geschieht im Kontext der Auflösung der stationären Psychiatrie

1992 – Rahmengesetz über die Betreuung, die soziale Integration und die Rechte der Menschen mit Behinderung

2010 – Neue Bestimmungen im Bereich spezifischer schulischer Lernstörungen

 

 Auf Landesebene (Südtirol) erfolgen weitere Gesetze, die im Rahmen der Südtiroler Autonomie verbesserte Bedingungen für die Schulen allgemein, die Lehrkräftebezahlung und die Integration/Inklusion ermöglichen.

 

Die italienischen Schulen haben mehr Autonomie, sie sind seit 2000 rechtlich eigenständig hinsichtlich Organisation, Didaktik, Schulentwicklung, Verwaltung und Finanzen

Die Schulen mehrerer Sprengel bilden einen Schulverband/ein Netzwerk, in dem sie verbindlich zusammenarbeiten.

Eine externe Evaluation wird alle 4-5 Jahre von einem unabhängigen Büro durchgeführt. Der Bericht muss auf der homepage veröffentlicht werden, damit die Eltern sich informieren können.

 

Strukturen

Das Schulsystem besteht aus einer 5jährigen Grundschule und einer dreijährigen Mittelschule, in die alle gehen und an deren Ende es eine Abschlussprüfung gibt. Danach wählen die Schüler/innen zwischen  Gymnasium, Fachoberschule, Berufsfachschule oder Lehre. Es gibt keine Zugangsbeschränkungen für Kinder bzw. Jugendliche mit besonderem Förderbedarf. Die Kinder mit zieldifferentem Unterricht bekommen ebenfalls eine Prüfung und einen Abschluss bezogen auf ihre individuellen Lernvoraussetzungen.

Schulpflicht besteht für 10 Jahre bzw. bis zum 18. Lebensjahr.

 

Lehrerfortbildung

Neben einem umfangreichen Katalog der Fortbildungsakademie Schloss Rechtenthal (für das Land Südtirol) gibt es sowohl auf  Schulverbund-Ebene als auch schulintern weitere Angebote.

Dazu gibt es weitere Beratungsangebote auf der Bezirksebene in 5 Beratungszentren. Bisher sind 20 Std. Fortbildung für jede Lehrperson obligatorisch.

 

Personal

Neben den regulären Lehrkräften gibt es weitere Berufsbilder zur Unterstützung:

Die Integrationslehrperson (wird der Klasse zugewiesen; ca. 450 Stellen) und die/den Mitarbeiter/in für Integration (wird dem Schüler/der Schülerin zugewiesen; ca. 160 Stellen).

 

Diagnostik

Die Abklärung einer Lernproblematik erfolgt durch die Gesundheitsbehörde (psychologischer Dienst) auf der Grundlage der Gesetze 104/1992 (meist zieldifferent) und 170/2010 (meist zielgleich) und nur mit dem Einverständnis der Eltern. Diese Diagnostik ist die Voraussetzung für einen individuellen Förderplan, der von der Integrationslehrkraft in Zusammenarbeit mit den Lehrkräften der Klasse erstellt wird.

Fazit 1:

Am Anfang stand eine Grundsatzentscheidung:  Rechtliche Rahmenbedingungen geben klar und eindeutig Integration bzw. Inklusion  vor, dies ist unumstritten bei unseren Gesprächspartner/innen.

Das Schulsystem ist eine integrierte Schule von 1.-8. Klasse mit hoher Selbständigkeit in der Verwaltung der Einzelschule. Umfangreiche Fortbildungs- und Beratungsangebote stehen zur Verfügung sowie unterschiedliches Personal.

Die Diagnose der Lernproblematik erfolgt durch eine unabhängige Fachstelle.

 

http://www.provinz.bz.it/schulamt/

 

Zahlen

Südtirol umfasst ca. 1/3 der Fläche von RLP, in deutschsprachigen Schulen lernen 45.000 Schüler/innen, das sind rund 8% der rlp Schülerzahl.  Die Südtiroler Schulen verfügen über ca. 5.600 volle Lehrerstellen , das sind 14 % der rlp Lehrkräfte.  Es gibt 83 Schuldirektionen und viel mehr Schulstandorte, was damit zusammenhängt, dass ein/e Schuldirektor/in für mehrere Schulen im Sprengel zuständig ist. (Zum Vergleich: RLP hat über 1600 Schulen und auch genauso viele Schulleitungsstellen.)

 

Fazit 2:

Es wird deutlich, dass die materiellen und personellen Voraussetzungen in Südtirol besser sind als in RLP.

 

 

 

Die Schulbesuche

 

Der Schulsprengel Tramin besteht aus 4 Grundschulen und 1 Mittelschule, 412 Schüler/innen ,  1 Schulleiterin, 41 Lehrpersonen und 18 weiteren Mitarbeiter/innen, davon 13 Schulwarte/innen und 4 Assistent/innen des Schulsekretärs, 1 Mitarbeiterin für Integration und 1 Sozialpädagogin.

Die Fachoberschule für Landwirtschaft Auer hat ca. 700 Schüler/innen, 85 Lehrpersonen, davon 7 Integrationslehrkräfte. Dazu ein Internat für ca. 150 Schüler/innen.

Die Schulen arbeiten nach Rahmenrichtlinien, die festlegen, was bis Ende der Mittelschule an Kompetenzen erreicht sein muss. Die Abschlussprüfung erfolgt tlw. zentral und tlw. dezentral, schriftlich und mündlich.

Wir hatten die Möglichkeit in verschiedenen Klassen uns umzuschauen, mit den Lehrkräften und Kindern ins Gespräch zu kommen. Es sind Momentaufnahmen, die jede/r von uns unterschiedlich wahrnimmt und verarbeitet: Die  Schulgebäude sind hell, großzügig und freundlich, gut gepflegt. Die Atmosphäre ist freundlich und ernsthaft. Man empfängt uns mit großer Ernsthaftigkeit, auch wenn wir die x. Delegation aus Deutschland sind, wird man nicht müde uns das Südtiroler Schulsystem zu erklären.

 

Und dann gibt es die SkeptikerInnen in der Gruppe, deren Erwartungen u.a. gespeist waren davon, endlich die richtige Methode für den Umgang  mit Heterogenität zu sehen  und mit nach Hause nehmen zu können: Wer  ist denn nun beeinträchtigt? Worin liegt seine/ihre Beeinträchtigung? Warum arbeiten die Kinder nicht zusammen, obwohl dies die Lehrkraft vorgegeben hat? Welche Differenzierungsmaßnahmen gibt es denn hier zu sehen? Gar keine?! Worauf legt die Lehrkraft besonderen Wert? Hätte sie es nicht besser anders gemacht? Diese und weitere Fragen treiben einige Mitglieder der Gruppe bei ihrem Rundgang durch die Schulen um, die einen wollen mehr Beeinträchtigte erleben, wie sie „inklusiv“ beschult werden, die anderen meinen, dass die gezeigte Maßnahme nicht das sei, was wirklich Inklusion ausmache.

 

Jeder in der Gruppe ist – wen wundert es – mit ganz spezifischen Voreinstellungen hergekommen und versucht nun genau darauf eine Antwort zu finden.

 

Wertvoll sind – nach einhelliger Meinung aller – die vielen Nebengespräche mit den Kindern, dem Personal, den Gruppenmitgliedern. Da gibt es Zusatzinformationen zu Kindern, zur Unterrichtsplanung, zur Einbettung der  Maßnahme in das Förderziel, zur persönlichen Haltung bzgl. der Inklusion, zu kritischen Aspekten der Entwicklung, Lehrerversorgung, zur Auswahl, Qualifizierung und Stellung von Schulleiterinnen etc. 

Manchmal dachte ich, die gleichen Kritikpunkte zu hören wie bei uns. Da ist es hilfreich sich  darüber zu vergewissern, vor welchem Hintergrund und mit welchem Ziel die Kritik geäußert wird. Niemand von unseren GesprächspartnerInnen hat sich gegen die Inklusion geäußert, alle hielten es für selbstverständlich, dass  behinderte Kinder und Jugendliche gemeinsam eine Schule besuchen. Unzufriedenheit war evtl. eher im Bereich der  Personalausstattung und –qualifizierung zu spüren. So hat die Landesregierung die Zuordnung von Integrationslehrkräften  umgestellt,  sie werden nun nicht mehr einzelnen Kindern sondern ganzen Klassen zugewiesen. Die Verankerung des Gedanken, dass beide Lehrkräfte für alle verantwortlich sind, also auch die Regellehrkraft für die Beeinträchtigten, wird u.a. durch Fortbildung  unterstützt. Auch die Qualifikation der Integrationsmitarbeiterinnen war an einigen Stellen ein Thema: in Südtirol ist das ein Ausbildungsberuf vergleichbar einer Hilfspflegekraft.

 

 

www.ssptramin.info

www.ofl-auer.it

 

Fazit 3:

Es gibt eine  unaufgeregte Gewissheit darüber, was erreicht wurde und dass es doch auch noch weitergehen muss. In Südtirol spricht man davon, im Übergang von der Integration zur Inklusion zu sein.

Die Schulbesuche ermöglichen einen punktuellen Einblick in den Alltag, sie zeigen die Selbstverständlichkeit, die sich nach 40 Jahren darüber eingestellt hat, dass  es funktioniert, wenn alle zusammen in einer Schule lernen und sie zeigen auch, dass das System ständig in Bewegung ist um sich zu optimieren.

 

 

 

Nach-Gedachtes

 

Die Besuche in den Schulen zusammen mit 15 anderen engagierten Menschen aus und rund ums rlp Bildungssystem lassen mich Unterschiedliches reflektieren.

·         Es gibt Entwicklungen in (Schul-)Systemen, die stets von vergleichbaren Fragen begleitet werden. Veränderungen, die von „oben“,  aus Politik und (Bildungs-)Verwaltung kommen, lösen ihrerseits Veränderungen des beruflichen Alltags jedes Einzelnen aus, die unterschiedlich bewertet werden., die also die individuelle Auseinandersetzung auslösen und die in den Systemen zu verarbeiten ist. Wenn Entwicklungen gesteuert werden, wenn sie systematisch ablaufen und umgesetzt werden sollen, dann ist ein Bewusstsein und ein Umgang mit diesen verschiedenen Akteuren und Ebenen zu planen.

·         Richtungsentscheidungen sind unerlässlich, die Umsetzungsanstrengungen  müssen respektiert und flankiert werden. Mehrfach haben unsere Gesprächspartnerinnen erwähnt, dass zu Beginn der Integration sehr viele Ressourcen bereitgestellt wurden, die nun teilweise abgebaut werden.

·         Wer immer in unserer Gruppe mit kritischen Augen unterwegs war, spiegelt auch einen Teil der Debatte in unseren Schulen und in unserem Bundesland wieder: Nämlich die hohen Ansprüche an sich und die KollegInnen, die Anforderungen der Inklusion mit hoher methodischer Kompetenz und Fachlichkeit zu erfüllen und darin vielleicht sogar auch perfekt zu sein. Jede Lehrkraft in RLP, die sich zur Inklusion bekennt, die sich dieser Aufgabe stellt, muss sich tendenziell auch gleich noch den SkeptikerInnen im Kollegium oder auch im persönlichen und  beruflichen Umfeld stellen.

·         Hierzulande gibt es kein klares Bekenntnis der Politik zum Recht auf Inklusion für Alle sondern die Koalition hat sich darauf verständigt, dass „das Elternwahlrecht weiter von zentraler Bedeutung bleiben“ wird. „Eltern werden auch künftig bei der Schulwahl auf der Grundlage einer fundierten Beratung zwischen Förderschule und Schwerpunktschule entscheiden können.“ (Koalitionsvertrag 2016-2021) Eine solche Entscheidungsvermeidungspolitik  vergibt viele Chancen: nämlich das Schulsystem auf die inklusive Aufgabe umfassend vorzubereiten, durch die Auflösung von Förderschulen frei werdende Ressourcen gezielt umzulenken, für die Haltung und Qualifizierung der Lehrkräfte geeignete Fortbildung bereitzustellen, die LehrerInnenbildung insgesamt systematisch umzubauen und die Öffentlichkeit einzubeziehen.

 

 

Fazit 4:

‚Pilgerfahrten’ in gelobte Länder wie Finnland, Schweden, Kanada und nun auch Südtirol ersetzen nicht den politischen Entscheidungswillen. Sie können uns Einzelnen zur Vergewisserung dienen, dass wir mit unseren gesellschaftspolitischen und pädagogischen Überzeugungen keine Fantasten oder Träumer sind. Schnellrezepte für den eigenen Unterrichtsalltag bekommen wir nur bedingt, die Notwendigkeit der Einbettung in ein Gesamtsystem bleibt unberührt.

Eveline Lemke, bildungspolitische Sprecherin der Landtagsfraktion der Grünen

Separation, Integration, Inklusion - Der Lange Wege zu mehr Gerechtigkeit

 

Delegation des Forums neue Bildung aus Rheinland-Pfalz im Südtiroler Landtag zusammen mit der Abgeordneten Magdalena Amhof

Jedes Kind ist einzigartig. Ein Bildungssystem, welches den Lehrenden die Möglichkeiten gibt, die Unterschiedlichkeiten jedes/r einzige/n Schüler*in als Potential zu entdecken und zu entfalten, muss unser Ziel sein. Alle sollen den für sie richtigen Weg ins Leben finden. Nur ein gerechtes Bildungssystem kann auch die besten Chancen für Alle in einer gerechten Gesellschaft gewährleisten.

Wir wollen weitere Schritte zur Verbesserung der Bildungsgerechtigkeit auch in unseren Schulen unternehmen. Grund genug für mich, mir vor Ort in Schulen die Alltagsrealität anzuschauen. Das mache ich übrigens nicht nur zum Thema Inklusion. Wo läuft es gut und warum? Wer sind die Treiber guter Entwicklungen zur Inklusion? Wo liegen sprichwörtlich die Barrieren? Warum läuft es eben auch mal nicht gut? 

So habe ich jüngst die Brüder-Grimm-Schule in Ingelheim, die als Schwerpunkt und Ganztagsschule mit dem deutschen Schulpreis ausgezeichnet wurde oder die Integrierte Gesamtschule Gerhard Ertl in Sprenkligen besucht und im Unterricht hospitiert. Gerade das Thema Binnendifferenzierung in der Unterrichtskonzeption war dabei von Interesse. Mit den Akteuren des Netzwerkes Forum neue Bildung bin ich dann eine knappe Woche in den Schulen Südtirols unterwegs gewesen. Warum waren wir gerade in Südtirol?

Italien hat in Anwendung der UN-Konvention zur Gleichstellung der Menschen mit Behinderungen bereits vor rund 30 Jahren die Förderschulen abgeschafft und seitdem besteht eine Pflicht zur Aufnahme aller Kinder. Im sogenannten Schulsprengel wird die Inklusion für Alle organisiert. In diesen Zeiten von leeren Staatskassen und Schuldenbremse fahren viele Delegationen aus Pädagoge*innen, Politiker*innen, Inklusionskräften und Beauftragte für Inklusion nach Südtirol, um zu lernen, wie Inklusion funktioniert. Immerhin wird gerade der Mangel an Finanzmitteln gerne als Ausrede herangezogen, warum Inklusion nicht funktioniere. 

Dr. Monika Pfeifer vom Deutschen Schulamt in Südtirol hat für uns Antworten. Das Deutsche Schulamt ist nur eines unter dreien, denn jede Kulturgruppe, also auch die Italiener und die Latiner haben ein Amt. Der Unterricht findet jeweils mehrsprachig statt. Vielleicht liegt es auch an dieser besonderen Kompetenz im Umgang mit unterschiedlichen Kulturen, auch mit unterschiedlichen Menschen leichter umgehen zu können. Auch Magdalena Amhof, zuständige Landtagsabgeordnete der Südtiroler Volkspartei, welche der CDU nahe steht, kann nicht widersprechen, dass hier ein Zusammenhang zu sehen sei. Beide benennen uns folgende Unterschiede:

1. Inklusion ist bereits in der Ausbildung ein wichtiger Baustein und wird im Grundstudium vermittelt. Derzeit wird eine Schulgesetzänderung debattiert, welche genaue gesetzliche Festlegungen dazu vorsehe und im Abschluss Bachelor dann verbindlich wird.

2. Inklusion beginnt in der Kita. Erzieher*innen studieren ihr Fach. Damit wird der gesellschaftliche Wert der Leistung der Erzieher*innen als pädagogischer Auftrag gewürdigt. Anzumerken ist, dass Erzieher*innen und Grundschullehrer*innen nicht mehr Geld verdienen als bei uns, was sich ändern muss!

3. Die Ziffernnoten gelten als wenig zielführend, weshalb die Zeugnisse Zusätze zu "zielkonform" oder "zielabweichend" darstellen. Die Noten geben Eltern und Schüler*innen oft zu wenig Orientierung und werden draußen auch von Betrieben zur Einordnung nicht verstanden. 

4. Das Schulamt überwacht die Schulpflicht und motiviert zur aktiven Elternarbeit. Nur wenn die Eltern die Wert der Schulbildung erkennen würden, täten dies auch die Schüler*innen. Davon abgesehen können man sich im ländlichen Südtirol die Nachbarschaftskenntnis gut zu nutze machen. "Auf dem Dorf wisse der Nachbar immer mehr von einem, als man selbst," begründet sie das funktionierende Engagement.

5. Bei der Beantwortung der Frage, was die nächsten Schritte zu dieser Zielerreichung sein können, spielen nicht nur die pädagogischen Konzepte, sondern auch die Ausstattung mit Sachmitteln eine Rolle. Ob technische Hilfsmittel, wie ein Sprachcomputer für Blinde, mehr Stunden für Inklusionslehrer*innen oder persönliche Assistenz auch im Umgang mit verhaltenskreativen Schüler*innen spiele eine große Rolle und würde laufend angepasst.

Diese Anpassungen reichen manchen Organisationen nicht weit genug. So der Sozialgenossenschaft Independent in Meran, welche sich um Ausstattung mit technischen Hilfsmitteln für alle Arten von Behinderungen bemüht. Auf der anderen Seite ist es gerade eine solche Organisation, welche Meran auf alle Barrieren hin kartiert und damit eine wesentliche Grundlage zum Abbau von Barrieren im öffentlichen oder privaten Raum bietet. Independent ist damit ein Treiber der Inklusion. Die Werbung für einen "Tourismus für Alle", mit einer Strategie ein Image im Land für eine besondere Zielgruppe zu erarbeiten, entspricht der Rheinland-Pfälzischen Tourismusstrategie. Wir sind also nicht alleine auf dem Weg!

Eine wichtige Beobachtung: Bildung hat einen Selbstzweck!

In allen von uns besuchten Schulen aller Schularten, die sich der Inklusion so intensiv widmen, egal ob bei uns oder anderswo, findet sich eine Atmosphäre konzentrierten Lernens und warmherziger menschlicher Anerkennung aller. Die realen Schwierigkeiten der gelebten Inklusion orientiert sich dabei an der Individualität der zu Inkludierenden. Die Vermittlung von Faktenwissen, von Daten ist noch nicht Wissen an sich. Die Bewertung von Fakten, Daten und Erfahrungen anderer vollzieht sich immer im Kontext des Erlebten. Das Erlebte besteht aus den Beziehungen. Eine Schule, die auf Basis von Beziehungen, die zueinander gewandt sind, sind intensiver und verstärken positiv die Lern- und Lehrerfahrung. Letzten Endes vermittelt Bildung eben auch Werte. Wer Inklusion in der Lehre lebt, vermittelt den Wert des Menschen im Sein: "Wir freuen uns darüber, dass es Dich gibt, also sei!" Dies ist die größte Botschaft zum Leben und stellt die Beziehungen zwischen Lernenden und Lehrenden auf die richtigen Beine. Das ist die Botschaft, welche Kinder in Schulen, die Inklusion leben, für sich mitnehmen können.

Mein Fazit:

Gleichheit ist nicht Gerechtigkeit. Ein gerechtes Bildungssystem ist die beste Startchance für jeden Menschen in eine gerechte Gesellschaft. Wer eine inklusive Schule will, wer die Unterschiedlichkeit von Menschen als Bereicherung empfindet, wer neugierig ist und bleibt, der wird andere auch durch Handeln inklusiv auf diesem Wege mitnehmen. Und je mehr Menschen dies tun, desto mehr gelingt uns die Umsetzung der UN-Konvention, damit diese Welt gerechter wird!

 

 

Unsere Delegation im Plenarsaal des Landtags, 6.v.l. Dr. Magdalena Amhof, Vorsitzende des 1. Gesetzgebungsausschusses

Schulsprengel Tramin mit Schulleiterin Ulrike Hofer

Fachoberschule für Landwirtschaft Auer mit Schulleiter Dr. Franz Tutzer

1. Mai 2016, Zentrale Veranstaltung des DGB in Ludwigshafen (Ebertpark)

 

Am 1. Mai 2016 informierten die Vorstandsmitglieder Barbara Edel und Ulla Lischber bei der Kundgebung im Ebertpark über unseren Verein und diskutierten über das Ziel „Eine Schule für Alle“. Es gab viel Zustimmung, besonders bei Eltern schulpflichtiger Kinder, die sich vielfach ein längeres gemeinsames Lernen wünschten, doch auch einige kontroverse Gespräche. Wie jedes Jahr blieb Ministerpräsidentin Malu Dreyer bei ihrem Rundgang kurz bei uns stehen. Dabei traf sie auf 2 Bewohner der inklusiven Wohngemeinschaft „IGLU“ in Ludwigshafen und begrüßte herzlich die Bewohnerin Melanie Spähn, die sie schon lange kennt, da sich ihre Eltern im Ludwigshafener Verein „Gemeinsam leben, gemeinsam lernen – Eltern gegen Aussonderung“ intensiv für Inklusion und damit auch für unsere Ziele einsetzen.

 

 

Malu Dreyer trifft zwei Bewohner der inklusiven Wohngemeinschaft IGLU, die sie schon länger kennt, vor unserem Stand

Barbara Edel (li.) informiert über die Ziele unseres Vereins

Bericht 

 

 

Erster Landesinklusionstag in Rheinland-Pfalz:

viele gute Praxisbeispiele, aber mutlose Politik!

 

Das ist eine der zentralen Botschaften, die von dem ersten Landesinklusionstag am 10. Oktober in Mainz ausgeht.  Auf Initiative des unabhängigen, rheinland-pfälzischen Vereins  EINE Schule für ALLE - länger gemeinsam lernen e. V. hatten sich  21 namhafte Organisationen zusammengetan und zum Thema „Vielfalt ist Bereicherung für Alle“ ein breitgefächertes Programm zusammengestellt. Über 200 Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren der Einladung gefolgt.

 

Zum Tagungsthema referierte Klaus Eberl, Oberkirchenrat der Evangelischen Kirche im Rheinland. Er stellte heraus, dass der mit Inklusion verbundene  Paradigmenwechsel von der Fürsorge zur gleichberechtigten gesellschaftlichen Teilhabe für Menschen mit Behinderungen in Deutschland noch nicht vollzogen sei. Auch die Kirche habe Probleme mit der Umstellung. Dr. Luciana Fiocca und Dr. Ute Gebert, Leiterinnen des Amtes für Menschen mit Behinderungen in der Provinz Bozen/Südtirol, machten am Beispiel ihres Schulsystems die prozesshafte Entwicklung von Inklusion deutlich, die 1977 mit der gesetzlichen  Verpflichtung zur Abschaffung von Sonderklassen begann. In der UN-BRK sahen sie eine starke Bestätigung für ihre Schulentwicklung. Mit dem neuen, in einem vorbildlich partizipativen Prozess entwickelten und einstimmig verabschiedeten Landesgesetz  „Teilnehme und Inklusion von Menschen mit Behinderungen“, das in allen Lebensbereichen gleiche Rechte für Menschen mit Behinderungen nach dem menschenrechtlichen Verständnis der UN- BRK gesetzlich verankert, seien wichtige neue „Baustellen“ für die gesellschaftliche und politische Umsetzung von Inklusion geschaffen worden.   

 

Ermutigende Beispiele gegen gesellschaftliche Segregation   

In sechs Foren zu den Themen  Arbeit, Bildung, Kultur//Sport /Freizeit, Wohnen  und Inklusive Kommune präsentierten sich eine ganze Reihe motivierender Beispiele für gleichberechtigte Teilhabe.   

 

Stellvertretend für den Kultur-/Freizeitbereich sei der beeindruckende Auftritt der Band „Carpe Diem Unerhört“ des ökumenischen Gemeinschaftswerkes Pfalz erwähnt, in der 16 Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam musizieren und mit ihren Auftritten erfolgreich an die Öffentlichkeit gehen. Auch das Theaterprojekt „Begegnungen“ am Pfalztheater Kaiserslautern und das inklusive Engagement des SV Speesbach 1920 e. V. mit seinem Integrationsteam machten deutlich, Sport, Theater und Musik können in besonderer Weise Inklusion ermöglichen nach der Devise „Bei uns darf jeder mitmachen!“ und  „Hier fühlt sich jeder ganz normal.“

 

Auch im Forum Arbeit wurden positive Beispiele für Inklusion präsentiert, die allerdings angesichts des segregierten Arbeitsmarktes noch eher die Ausnahme darstellen. Mathias Rösch, Landesbeauftragter für die Belange von Menschen mit Behinderungen, verwies auf die Empfehlungen des UN-Fachausschusses für die Rechte von Menschen mit Behinderungen. Sie hätten deutlich gemacht, dass Deutschland noch große Anstrengungen unternehmen muss, um  Menschen mit Behinderungen ihr Recht auf Zugang zum allgeneinen Arbeitsmarkt zu sichern.  Behindertenwerkstätten seien keine sinnvolle Alternative.   

 

Das Forum Inklusive Kommune sah in der Entwicklung und Verabschiedung kommunaler Aktionspläne die Aufgabe und Chance, für Inklusion bewusstseinsbildend  und sensibilisierend zu wirken. In längerfristigen und partizipativen Prozessen unter Beteiligung der verschiedensten Gruppen könne Inklusion als Querschnittsaufgabe in der Kommune verankert werden.   

 

Bildung als Schlüssel für soziale Inklusion und gleichberechtigte Teilhabe  

Im sehr stark nachgefragten Forum Bildung mit rund 100 Teilnehmenden zeigten die referierten Beispiele eindrucksvoll, dass durchaus nennenswerte gelungene Schritte auf dem Weg zu einer inklusiven Schule gegangen werden können. Vier Kolleginnen der IGS Nieder-Olm schilderten ihre durchweg positiven Erfahrungen auf ihrem beharrlichen Weg zu einer Schwerpunktschule. Ihre  schulische Maxime lautete: „ALLE Schülerinnen und Schüler müssen entsprechend ihrer individuellen Voraussetzungen gefördert werden.“ Das Kooperationsprojekt zwischen einer Förderschule mit dem Schwerpunkt Lernen und der BBS Speyer hat sich  den gleichberechtigten Zugang aller Schülerinnen und Schüler sowie ihre Integration in die Arbeitswelt zum Ziel gesetzt. Es  empfiehlt sich mit seiner erfolgreichen Umsetzung als Modell  für weitere Standorte.  

 

Gleichzeitig wurde deutlich, dass die qualitativen Entwicklungsschritte in Richtung Inklusion  in hohem Maße von der Initiative und dem Engagement der beteiligten Lehrerinnen und Lehrer, ihrem Ideenreichtum und Teamgeist abhängig sind. Fehlende konzeptionelle Vorgaben des Ministeriums für gemeinsames Lernen eröffnen zwar einerseits pädagogische Spielräume, andererseits wird die konzeptionelle Arbeit völlig den Schulen überlassen, die  noch dazu Inklusion mit normativen Vorgaben des selektiven Schulsystems in Einklang bringen müssen. In die Arbeitszeit der Lehrerinnen und Lehrer ist weder Zeit für Kooperation und notwendige Absprachen im Kollegium noch für curriculare, didaktisch-methodische  Entwicklungsarbeit und Zusammenarbeit mit Eltern und außerschulischen Akteuren  einberechnet.   

 

Auch die derzeitige Lehrerbildung bereitet Lehrerinnen und Lehrer nicht auf ihre Aufgaben in einer inklusiven Schule vor, wie die Experten der Universität Koblenz-Landau, Prof. Dr. Sven Jennessen und Prof. Dr. Michael Wagner, in ihren Beiträgen  feststellten. Lehrerbildung in Rheinland-Pfalz  sei  nur ansatzweise schulartübergreifend und unzureichend auf Heterogenität ausgerichtet. Sie bestätigten, dass  die Strukturen des gegliederten Schulsystems  ein Hindernis für Inklusion darstellen. Als Lösung wurde von ihnen die Einrichtung eines Modellstudienganges „Inklusive Bildung“ am Standort Campus Landau präferiert.

 

Mutlose Politik - Zivilgesellschaft als „Treiber“

In der Abschlussdiskussion bekannten sich die Podiumsteilnehmerinnen aus unterschiedlichen Organisationen zu Inklusion und setzten sich insbesondere kritisch mit der Bildungspolitik auseinander. Diese war leider nur unvollständig durch die Grünen im rheinland-pfälzischen Landtag vertreten, da die anderen Landtagsfraktionen  der Einladung nicht gefolgt waren.

 

Daniel Köbler, Fraktionssprecher der Grünen, hob als Verdienst seiner Fraktion hervor, dass das Thema Inklusion aus dem „Nischendasein“ auf die landespolitische Agenda gehoben worden sei und mit dem neuen Schulgesetz und dem Lehrerbildungsgesetz  eine  gesetzliche Verankerung erfahren habe.

 

Der rheinland-pfälzische GEW-Chef, Klaus-Peter Hammer, äußerte tiefe Unzufriedenheit der GEW mit den bisherigen Maßnahmen der  Landesregierung und stellte fest: „Wir müssen längere Schritte gehen, was das gemeinsame Lernen angeht.“ Neben politischem Mut zu wirksamen strukturellen Veränderungen mahnte er einen  angemessen Ressourceneinsatz zur Unterstützung und Entlastung der Lehrkräfte an. Inklusion sei ein Menschenrecht, das umgesetzt werden müsse. 

 

Wolfgang Spähn, langjähriger Vorsitzender des Elternvereins „Gemeinsam leben - gemeinsam lernen“ e.V. kritisierte mit Verweis auf die Staatenprüfung Deutschlands durch den UN-Fachausschuss für die Rechte von Menschen mit Behinderungen als „unsägliche Unerträglichkeit“ das Festhalten der Politik an den sonderpädagogischen Doppelstrukturen. Mit dem Blick auf die Vertreterin des Gemeinde- und Städtebundes Rheinland-Pfalz, Agneta Psczolla, die  die Finanzierung der Inklusion in ihrem Beitrag als zentrales Problem angesprochen hatte, betonte Spähn  die unsinnig hohen Kosten der Doppelangebote zu Lasten des qualitativen Ausbaus von Inklusion.  Den Grünen hielt er vor, dass sie in der Regierungskoalition ihre Forderung nach Abschaffung der Sonderschulen aufgegeben hätten.   

 

Köbler erwiderte, man habe das Wahlrecht ins Schulgesetz als „Türöffner“ aufgenommen und sei überzeugt, dass dieser Schritt politisch nicht mehr  umkehrbar sei. „Was bringt mir die beste und radikalste Forderung, wenn es am Ende dazu führt, dass ganz andere in der Regierung sind“, stellte er erläuternd fest und fügte hinzu: „ Ich lasse mich gern als Grüner antreiben zu mehr Inklusion und  mehr längeres gemeinsames Lernen.“ Allerdings solle man diejenigen, die auf  einem gemeinsamen Weg seien, nicht zum Ziel der Kritik machen, nur weil es nicht so schnell gehe wie gewünscht.  

 

Dr. Brigitte Schumann

ifenici(at)aol.com